Ein Jubiläum zum Abschied

Nach 36 Dienstjahren in Frommershausen, seiner ersten und einzigen Stelle als Gemeindepfarrer, verlässt Pfarrer Johannes Joachim Stalb in den nächsten Wochen Vellmar. Am Sonntag war große Verabschiedung in einem Festgottesdienst mit Dekanin Carmen Jelinek, die die Entpflichtung vornahm – so will es das Pfarrerdienstrecht.

36 Jahre Pfarrer – 250 Jahre Orgel

Dass es der Abschied vom langjährigen Gemeindepfarrer und seiner Frau sein würde, war im Vorfeld nicht ganz offensichtlich – das Wochenende war angekündigt als Orgeljubiläum: 250 Jahre Orgel in Frommershausen. Dazu gehörte das im vorhergehenden Beitrag erwähnte Orgelkonzert am Samstagabend mit vielfältigem Programm, gespielt vom Gemeindeorganisten Dr. Alexander Keck, bei dem Technik und Handwerk des Orgelbaus fachkundig von Pfarrer Stalb erläutert wurde.

Orgel in Frommershausen

Der Festgottesdienst in der vollbesetzten Kirche am Sonntag stellte noch einmal die Musik – die schon Saul, den König der Israeliten, von seinen Dämonen befreite – und besonders die Orgel in den Mittelpunkt. Pfarrer Stalb, der in der Predigt die Orgel mit “Du” anredete, schilderte humorvoll und auch nachdenklich, wie ihm die Orgel als seine Begleiterin in vielen Dienstjahren half, ein kindliches Trauma (“Du kannst nicht singen!”) zu überwinden, wie sie in den vielen gottesdienstlichen Veranstaltungen Menschen in gute Gestimmtheit brachte und auch, wenn im November die Kerzen mit Namensnennung der Verstorbenen angezündet wurden, mit zarten Klängen Trauer aufzufangen vermochte.

Auch klingend durfte die Orgel, ein Instrument mit 12 Registern des Orgelbauers Heeren (Gottsbüren), fertiggestellt im Jahr 1769, im Abschiedsgottesdienst in Erscheinung treten – als Begleitung zu fröhlichen Liedern und mit Orgelstücken zum Anhören, gespielt von der ehemaligen Bezirkskantorin Angelika Großwiele.

Den Talar an den Haken

Wie so oft in seinen Predigten verdeutlichte Pfr. Stalb das Geschehen mit einer symbolischen Handlung. Nach dem Segen zog er seinen Talar aus, hängte in an einen Haken und setzte sich zu seiner Familie in eine Kirchenbank.

Beim anschließenden kleinen Festakt mit Reden von Vellmars Bürgermeister Manfred Ludewig und Pfarrer Thomas Vogt und Darbietungen von Kirchenvorstand und Mitarbeiter*innen der Kirchengemeinde wurde noch einmal deutlich, dass Pfarrer Stalb mit seiner ruhigen, zurückhaltenden Art und seinen ideenreichen Gottesdiensten viel Anerkennung gefunden hat.

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Vielleicht wäre ohne seinen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Vellmarer Gemeinden die Bildung des Gesamtverbandes und der Gesamtgemeinde wesentlich schwieriger geworden. Der Kirchenvorstand hob das kreative Engagement seiner Frau Birgitt Stalb in Kindergottesdienst, Konfirmandenarbeit und Gemeindegruppen hervor (dazu der folgende Beitrag).

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Am Ende gab es wieder eine Darbietung Stalb’scher Symbolik: Der Talar wurde in einen Koffer gepackt und die Schlussszene des Films Moderne Zeiten von 1936 gezeigt. Während Charly Chaplin und sein Mädchen auf der staubigen Straße der Sonne entgegen gehen, verlassen Jochen und Birgitt Stalb die Kirche in ihre neue Zukunft.

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Bei Sonnenschein im Kirchgarten klang das Fest aus. Begleitet von frühlingshaften Klängen, beigesteuert durch den Gesangverein Frommershausen und den Posaunenchor Niedervellmar, konnten sich die vielen Menschen von Pfarrer Stalb und seiner Frau verabschieden. Unter ihnen ihnen sein ehemaliger Mentor (Ausbilder in der Vikarszeit) Dekan i. R. Adalbert Riebensahm, Stalbs erster Vikar Pfarrer Frank Nico Jäger (jetzt Pfarrer an der Stadtkirche Bad Hersfeld), Bürgermeister Manfred Ludewig, Kuratoriumsvorsitzender Uwe Kemper und etliche Pfarrerskollegen, die trotz der Vormittagszeit am Sonntag ihr Kommen ermöglicht hatten.

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Wehmut und Hoffnung

Bei aller Wehmut über den Weggang des beliebten Gemeindepfarrers hatte Dekanin Jelinek doch eine gute Botschaft mitgebracht: Die Stelle wird schon nach einer kurzen Vakanzzeit als ganze Pfarrstelle wiederbesetzt.

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Und der Talar am Haken? Ein Pfarrer wird am Ende seine Dienstzeit entpflichtet, aber, wie Dekanin Jelinek betonte, nicht entrechtet: Er bleibt Pfarrer der evangelischen Kirche mit allen Rechten. Vielleicht kommt deshalb der Talar auch noch das eine oder andere Mal zum Einsatz.

Text Angelika Großwiele, Burkhard Borys
Fotos Levon Müller (7), Angelika Großwiele (2), Jochen Stalb

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